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Vom kleinen Schraubenhandel zum Weltkonzern

Kaum ein Unternehmen in Deutschland steht für die Begriffe Mittelstand, Gründergeist und den Willen zum Erfolg wie die Adolf Würth GmbH & Co.KG. 

Bei neuartigen Dienstleistungen usw. sind die Chancen zur Unternehmensgründung heute genauso offen und einladend, wie sie 1945 für meinen Vater waren.

Die Arbeit hat Reinhold Würth noch nie gescheut. Direkt nach dem Krieg begann er eine Lehre bei seinem Vater in einer kleinen Schraubenhandlung in Künzelsau. Der hatte die Firma gegründet, Deutschland musste wiederaufgebaut werden und brauchte Schrauben in großen Mengen. 

Heute ist die Würth-Gruppe ein Weltkonzern mit fast 12 Milliarden Euro Umsatz und über 70.000 Mitarbeitern in den unterschiedlichsten Geschäftszweigen. Ein Gründergeist, mit dem absoluten Willen zum Erfolg. Wir haben mit Reinhold Würth gesprochen und ihn zum Thema Gründergeist, Unternehmensnachfolge, Digitalisierung und Fachkräftemangel befragt.

Herr Würth, woher bezogen Sie damals als junger Mann Ihre Erfahrungen?
Nun, mein bester Ausbilder und Lehrmeister war mein Vater Adolf, bei dem ich ja meine kaufmännische Lehre absolviert habe. Insgesamt haben wir fünf Jahre zusammengearbeitet – von 1949 bis zu seinem Tod 1954. Ihm verdanke ich mindestens 60 % des notwendigen Wissens. Anschließend baute ich einen guten Kontakt zu Prof. Bruno Tietz, damals an der Universität Saarbrücken auf. Ihm verdanke ich sicher 20 weitere Prozent meines Wissens. Prof. Tietz war auch der Gründungsvorsitzende meines 1975 gegründeten Beirats, den er über viele Jahre geführt hat. Der Rest ist natürlich „Learning by doing“. Nach meinen 68 Berufsjahren gibt es kaum eine Situation, die ich nicht schon einmal erlebt und mit oder ohne Erfolg bewältigt hätte. Dass am Ende deutlich mehr Entscheidungen richtig als falsch waren, zeigt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (Compound Annual Growth Rate) von immer noch 21.2 %.

Sie haben aus einem zwei Mann Betrieb einen Weltkonzern geformt – wäre das heute auch noch möglich?
Im Bereich unseres Kernmarktes Befestigungsmaterial wäre heute die Unternehmensgründung sicher schwieriger, als dies 1945 für meinen Vater der Fall war – damals musste das zerstörte Land wiederaufgebaut werden, der Bedarf war unendlich, heute haben wir gesättigte Märkte vor uns. In anderen Bereichen wie im Internethandel, bei neuartigen Dienstleistungen usw. sind die Chancen zur Unternehmensgründung heute genauso offen und einladend, wie sie 1945 für meinen Vater waren.

Wie schwer war es für Sie vor 23 Jahren die Führung abzugeben?
Nach dem Tod meines Vaters habe ich das Unternehmen mit zwei Mitarbeitern 1954 übernommen, sodass ich auch heute die Würth-Gruppe sozusagen als mein Kind betrachte. Das ist wie im Leben: Bei unseren Kindern – auch wenn sie mit zunehmendem Alter selbstständig werden – werden wir nie zögern, diesen und den Enkeln wohlwollend zu helfen. Genauso verhält es sich mit diesem Unternehmen, dem ich seit 68 Berufsjahren verbunden bin. 

Alle vier Geschäftsführer haben ihre Berufslaufbahn über Jahrzehnte im Unternehmen Würth aufgebaut. Führungspositionen werden traditionell weltweit aus dem eigenen Nachwuchs rekrutiert. In unserer Nachwuchsakademie in Rorschach bilden wir gezielt unseren weltweiten Managementnachwuchs heran. Konkret: Nein, meine Nachfolge zu regeln war unspektakulär.

Die Arbeitswelt wandelt sich komplett – wie würden Sie der Herausforderung heute begegnen?
Man sollte mit solchen Allgemeinplätzen wie Industrie 4.0 sehr vorsichtig umgehen. Natürlich werden über weitere Computerisierung und Roboterisierung Arbeitsplätze wegfallen, die aber im Bereich der Softwareentwicklung usw. ganz neu entstehen.

Schon als die ersten Computer aufkamen, wurde die These gestreut, dass man z.B. in Zukunft keine Außendienstmitarbeiter mehr brauche. 20 Jahre später zeigte sich, dass diese These absolut falsch war – übrigens genauso wie manche Aussagen und Thesen des Clubs of Rome hinsichtlich der Grenzen des Wachstums. Viel wichtiger ist, in der heutigen Internetwelt zu verstehen, dass Vertrauen, Berechenbarkeit, Dankbarkeit, Bescheidenheit und Demut nicht nur Adjektive, sondern Eigenschaften sind, mit denen auch in Zukunft ein Unternehmen vorankommen wird. Natürlich fördern wir auch bei uns das B2B-Geschäft. Immerhin werden heute schon 15 % aller Umsätze über das Internet mit stark steigender Tendenz abgewickelt.

Was würden Sie heute einem Abiturienten raten? 
Jedem Abiturienten würde ich raten zu prüfen, ob überhaupt ein Studium sinnvoll ist: Viele hunderttausend Betriebe im Handwerk und der kleinen und mittelgroßen Industrie suchen dringend nach Nachfolgern im Generationenwechsel. Auch heute gilt: Handwerk hat goldenen Boden. Eine Lehre mit anschließendem Meistertitel führt für einen tüchtigen Handwerksmeister zu höherem Einkommen als bei vielen Akademikern.

Fakten

Reinhold Würth lernte bei seinem Vater, der nach dem Krieg einen Handel mit Schrauben in Künzelsau gegründet hatte. 1954, nach dem Tod seines Vaters, übernahm er als 19-jähriger Mann die Leitung und formte daraus einen Weltkonzern. Heute ist die Würth-Gruppe eines der größten nicht-börsennotierten Unternehmen Deutschlands.

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Journalist

Jörg Wernien

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