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Noch ist das System ein analoges. Die Kunden bekommen die Schlüssel und Zugangsdaten und können dann in Eigenregie ihre Akten oder Unterlagen zu jeder Zeit dort selbst verwalten.  UNTERNEHMERTUM

Wo der Mittelstand seine Platzprobleme löst

In den USA sind sie aus keinem Stadtbild mehr wegzudenken. In jeder Kleinstadt gibt es Lagerhäuser für private und gewerbliche Kunden. Die Amerikaner sind viel flexibler bei der Wahl ihres Arbeitsortes, ständige Umzüge sind an der Tagesordnung und oft bietet das neue Haus oder die neue Wohnung nicht genügend Platz für den kompletten Hausstand. Von 58 000 Lagerflächen weltweit befanden sich im Jahr 2009 allein mehr als 46 000 in den Vereinigten Staaten (Quelle: SSA Fact Sheet, www.selfstorage.org).

Seit einigen Jahren haben die Unternehmen auch den deutschen Markt für sich entdeckt. Besonders in den großen Städten boomen die gewerblichen Lagerplätze für private und gewerbliche Kunden. Seit dem Jahr 2009 hat sich die Zahl der Anlagen von damals 47 auf heute 120 Lagerhäuser im Jahr 2017 fast verdreifacht (Quelle: selfstorage-verband.de).
Und ein Ende des Booms ist nicht abzusehen.

Zwar ist das Bewusstsein der Deutschen für diese Möglichkeit der Einlagerung noch nicht so geschärft, doch der Verband deutscher Self-Storage-Unternehmen ist sich sicher: „Unsere Mitglieder sind Garanten für zertifizierte Qualität, sind Experten für alle Formen des Self Storage, sind Innovatoren und Entwickler und kennen die für uns relevanten gesellschaftlichen Veränderungen in den Bereichen Mobilität oder Digitalisierung. Wir alle setzen darauf, dass der sich stetig verstärkende Kontakt mit immer mehr Kunden eine wachsende Dynamik des Marktes bringt und auch das Bewusstsein der Menschen für den Vorzug der umfassenden Dienstleistung Self Storage rasch wächst“, sagt Christian Lohmann, der Vorstandvorsitzende des Verbandes in Hamburg am Rande eines Europäischen Kongresses.

Noch überwiegt in Deutschland der B2C-Bereich, doch für die Zukunft sollen verstärkt die KMU (kleine und mittelständische Unternehmen) für die Vorteile einer Auslagerung ihrer Akten und Unterlagen gewonnen werden. Die meisten Ordner und Geschäftsunterlagen müssen in Deutschland bis zu zehn Jahre aufbewahrt werden, so verlangt es der Gesetzgeber. Neue Unternehmen wie eBay-Shops oder Pop-up-Stores haben ganz andere Anforderungen an die Lagerkapazitäten. Sie wollen eine große Flexibilität. Doch der Platz in den großen Städten ist knapp, Büroraum wird immer teurer, und wer will schon für seine Unterlagen oder Waren ganze Lagerflächen selbst errichten lassen? Deswegen sind sich die Unternehmen im Bereich Self Storage sicher, dass im Segment Kunde zu Kunde noch ein erhebliches Wachstumspotenzial liegt.

Noch ist das System ein analoges. Die Kunden buchen ihr Abteil in der von ihnen gewünschten Größe, bekommen die Schlüssel und Zugangsdaten und können dann in Eigenregie ihre Akten oder Unterlagen zu jeder Zeit dort selbst verwalten. Doch die Digitalisierung hält auch hier Einzug. „Es reicht eben nicht mehr, einfach ein Lagerhaus mit ansprechender Optik und verlässlicher Sicherung hinzustellen. Viele Instrumente, zum Beispiel das Internet of Things oder das Smart Home, gibt es erst seit relativ kurzer Zeit, und die Kundenerfahrung, wie man daraus Nutzen ziehen kann, muss sich deshalb erst noch weiterentwickeln. Sicher wird es weiterhin Kunden geben, die ein persönliches Gespräch und direkte Beratung haben wollen – auch die müssen wir bedienen. Andere Kunden aber werden rasch zu schätzen wissen, dass sie selbst die Kontrolle übernehmen können, von der Online-Buchung über den Zugang zur Mieteinheit bis zum Auschecken. Und sie werden bald davon profitieren, dass sie bedarfsgerecht zugeschnittene Mietlager, die kleiner sind und auch in kleineren Städten angeboten werden, jederzeit selbst bedienen und in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung ohne besonderen Zeitaufwand erreichen können. Das alles zu einem attraktiven Preis“, erklärt Martin Brunkhorst, Mitglied des Vorstandes im Verband deutscher Self-Storage-Unternehmen.

Etwa ein Drittel aller Kunden der unterschiedlichen Anbieter von Self-Storage-Lagerräumen kommt im Augenblick aus dem B2B-Bereich. Handwerker, Ärzte, Pharmavertreter und viele andere nutzen die Lagermöglichkeiten. Sie nutzen die gemieteten Flächen als Distributionslager. Die Ware wird im Lager verpackt, geprüft, umgeschlagen und versandt. Auch die Retouren werden hier eingelagert.

Der zweite Typ der B2B-Kunden nutzt die Flächen im Storage als Beschaffungslager, in dem Ordner, Akten oder wichtige Dokumente sicher gelagert werden. Hier erfolgt der Umschlag im Lager weitaus seltener. Herausgefunden hat das Anna Schraifer aus Wien, die sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit den Zukunftsperspektiven im B2B-Bereich beschäftigt hat (Quelle: www.myplace.de).

So wird es wohl auf dem Markt der Self-Storage-Anbieter noch lange nicht eng werden. Bislang verfügen nur die Großstädte über entsprechende Angebote zum „Selbst-Einlagern“. Doch auch in Mittelstädten dürfte durchaus das Potenzial dafür vorhanden sein. Eine Überversorgung wie in den USA, wo statistisch gesehen jeder Einwohner unter dem Dach einer Self-Storage-Lagerfläche stehen könnte, wird es in Deutschland nie geben.

Fakten

Der deutschsprachige Raum mit seinen rund 100 Millionen Einwohnern steht mit derzeit fast 250 Standorten und knapp 600 000 m² vermietbarer Self-Storage-Flächen noch ganz am Anfang der Marktentwicklung. In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen etwa 400 000 Bürger auf einen Self-Storage-Standort respektive 0,006 m² vermietbare Self-Storage-Lagerfläche auf jeden Bürger.

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Journalist

Jörg Wernien

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