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Industrie 4.0 ist eine Chance für kundenindividuelle Produktion

Die Digitalisierung wird von vielen als Chance für die deutsche Wirtschaft begriffen, andere sehen sie als Bedrohung beispielsweise für Arbeitsplätze. 

Herr Professor Zühlke, Sie sind seit 2009 Leiter des Forschungsbereiches Innovative Fabriksysteme (IFS) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH und haben 2005 die Technologie-Initiative SmartFactory KL, die erste herstellerneutrale, weltweite Industrie 4.0-Demofabrik, gegründet, deren Verein Sie heute noch als Vorstandsvorsitzender führen. Hier werden neueste IuK-Technologien erforscht und gemeinsam mit Industrieunternehmen in die Praxis transferiert. Wie beurteilen Sie die derzeitige Diskussion um Arbeitsplätze?
Zunächst einmal stellt sich aus meiner Sicht Industrie 4.0 mit all ihren Anwendungen als Chance und nicht als Risiko dar. Ich denke, dass die steigende Nachfrage nach kundenindividuell und dennoch automatisiert gefertigten Produkten Arbeitsplätze nach Deutschland zurückholen wird. Durch das Internet der Dinge ist eine „Losgröße eins“ möglich, aber neben der Herstellung des Produktes fordern die Kunden eben auch noch schnelle Lieferzeiten, die bei einer Herstellung in Asien oder anderen fernen Regionen nicht möglich sind. So produziert ein großer Sportartikelhersteller einen Teil seiner Sportschuhe in einer Smart Factory in Herzogenaurach und hat die Produktion somit teilweise nach Europa zurückgeholt.

Was bedeutet dies aber für die Qualifikationen der Arbeitnehmer?
Grundsätzlich steigt aus meiner Sicht die Qualifikation der Arbeitnehmer an. Es wird in Zukunft mehr höherwertige Stellen geben. Arbeiten, die eintönig sind und mit reinem Zu- und Einordnen zu tun haben, können durch Maschinen dargestellt werden. Somit werden sie sicherlich zurückgedrängt werden.

Das bedeutet also, dass Roboter beispielsweise die Essensausgabe in Krankenhäusern übernehmen?
Nun, möglicherweise da, wo es um das Heben des Tablets geht oder um den Transport aus der Küche auf die Station. Doch eines können Roboter nicht, nämlich die menschliche Ansprache beim Essenservieren übernehmen. Und da dies zu einem wesentlichen Teil auch zum Genesungsprozess dazugehört, werden Maschinen immer nur einen Teilbereich übernehmen können.

Ihr Beispiel zeigt aber deutlich, wohin die Reise gehen wird. In der digitalisierten Welt werden Beschäftige qualifiziert sein, um mit IT-gestützten Systemen umzugehen und diese in den Arbeitsprozess mit einzubeziehen.

… so wie in der Autoindustrie?
Genauso, erinnern Sie sich noch an die Schlagzeilen, die durch die Medien liefen, als die Automobilhersteller vollautomatisierte Produktionshallen einführten, in dem Industrieroboter beispielsweise punktgenaue Schweißungen vornahmen? Der Aufschrei war damals groß. Oder schauen Sie sich das Auto selbst an: Noch vor etwa fünfzehn Jahren gab es das Berufsbild der Autoelektrikers. Heute ist dieser Berufsstand übergegangen in den des Mechatronikers, also jemanden, der sich mit IT, Netzwerken und Bordcomputern innerhalb des Automobils auskennt.

Karrierechancen durch die Digitalisierung

Trotzdem scheint es Bremser zu geben, was die Entwicklungen angeht…
Natürlich haben Menschen Angst vor Veränderungen. Geschäftsmodelle, die noch vor einigen Jahren bestens funktioniert haben, werden derzeit auf den Prüfstand gestellt. Disruptive Vorgänge nennen die Fachleute das. Es ist zu beobachten, dass nicht so sehr die obersten Führungsebenen die Bremser sind, sondern vielfach das mittlere Management. Wir versuchen, dieses Bremsen durch die Einrichtung sogenannter Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren, die vom BMWI gefördert werden, aufzufangen. 

Was dringend erforderlich ist und ausgebaut werden muss, ist die enge Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und der Politik, etwa der Bildungsministerien der Länder. 

Kostengünstig personalisieren durch Internet und Automation.

Was wir dringend benötigen, ist eine digitale Mündigkeit von Schülern, die sich nicht nur darauf bezieht, einen Computer oder ein Tablet zu bedienen, sondern sie in jeder Form auf die digitale Transformation unserer Gesellschaft vorbereiten kann. Denn auf alle Fälle wird diese eine Stärkung der IT-Kenntnisse erfordern. Wie die Berufsfelder aussehen, die dann entstehen werden, wissen wir heute noch nicht. Doch eines ist jetzt schon klar, die digitalen Geschäftsmodelle, die heute entstehen, beruhen in erster Linie auf Know-how und Kreativität und nicht mehr auf einem traditionellen Maschinenpark und Produktionshallen.

Fakten

1949 in Bad Pyrmont geboren

1983 promovierte am Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen über Roboterprogrammierung

1991 Inhaber des Lehrstuhls für Produktionsautomatisierung (pak) an der Technischen Universität Kaiserslautern. 

1998 gründete das Zentrum für Mensch-Maschine-Interaktion (ZMMI)

2009 leitet den Forschungsbereich Innovative Fabriksysteme (IFS) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH

2005 Hauptinitiator der Technologie-Initiative SmartFactory KL e.V.



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