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Ganzheitliche Digitalisierung von Gebäudelebenszyklen

Digitalisierung ist inzwischen in aller Munde, es gibt kaum einen Tag, an dem dieses Thema nicht an irgendeiner Stelle aufgegriffen wird.

Doch während man in der Automotive-Industrie oder in der Logistik schon seit einigen Jahren erhebliche Fortschritte macht, ist die Bau- und Immobilienindustrie noch weit von einer durchgehenden Digitalisierung entfernt.

Das liegt zum einen daran, dass anders als in anderen Ländern die deutsche Bauindustrie überwiegend mittelständisch geprägt ist, zumal die größten deutschen Unternehmen inzwischen Töchter ausländischer Anteilseigner sind.

Der andere Grund ist darin zu suchen, so eine Untersuchung der Commerzbank, dass die mittelständische Bauwirtschaft dem digitalen Wandel zurückhaltend begegne: Prozess-Optimierungen ständen dabei im Mittelpunkt, nicht jedoch digitale Innovation auf der Angebotsseite. Die Unternehmen würden zwar neue, digitale Technologien nutzen, um die betrieblichen Abläufe besser zu steuern und die Kosten zu senken. Die Entwicklung neuer Produkte oder Geschäftsmodelle bleibe aber eine Ausnahme.

Dabei befinden sich die Unternehmen der Immobilienwirtschaft schon jetzt in einem permanen-ten digitalen Change-Prozess, der Einfluss auf Personal und
auf althergebrachte Geschäftsmodelle hat. Zudem haben sich die Gebäude selbst inzwischen digitalisiert, sie befinden sich im IoT – also im Internet der Dinge –,
in dem vielfach Sensoren und Aktoren verbaut werden und im Rahmen von Smart-Buildings in Wertschöpfungsketten integriert sind. 

Mit der Einführung der Building Information Modeling (BIM)-Methode glauben viele Bauunternehmen, dass das Ende der Fahnenstange bei der Digitalisierung schon erreicht sei. Zwar führt BIM Architektur- und Ingenieurwesen, Haus- und Gebäudetechnik und Facility-Management digital zusammen und man kann ein Gebäude mit allen Gewerken planen und simulieren und vor allem im Zweifelsfall auch korrigieren und ergänzen. Dies ist ein wesentlicher Fortschritt, sieht man sich die Planungsprozesse von Großprojekten, sei es die Hamburger Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder den Berliner Flughafen BER an, bei denen es immer wieder Planungs-, Zeit- und noch mehr Kostenprobleme gegeben hat.

Doch BIM wird in Zukunft nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur ganzheitlichen Digitalisierung des Bauens sein. Schon arbeiten Unternehmen an Portallösungen für Kunden, an Cloud Computing oder Home Automation. Dabei stehen vor allem die Definition und Verbesserung von Schnittstellen im Vordergrund. Denn nach wie vor werden viel zu viele Schritte beim Bauen händisch erfasst: Es ist nach wie vor nicht ungewöhnlich, dass Angebote oder Verträge per Fax übermittelt werden. Gerade von Baunebengewerken, beispielsweise von Fliesenlegerfirmen, Heizungsbauern und Bautischlereien gehen Offerten nach wie vor händisch ein und müssen in Datensysteme eingepflegt werden. Ganz zu schweigen von Haus- oder Liegenschaftsverwaltungen, in denen fehleranfällige Exceltabellen und gezeichnete Pläne in laufenden Metern nach wie vor State of the Art sind.

Eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie erfordert eine Reihe von Schnittstellen, bei denen das Building Information Modeling so etwas wie ein Fixpunkt ist, aber eine ganze Reihe weiterer Module als Satelliten mit entsprechenden digitalen Schnittstellen einen ganzheitlichen digitalen Planungs-, Bau-, Abrechnungs-, Verkaufs- und Facilitymanagementprozess abbilden müssen.

Gerade in Sachen Gewährleistung oder Abnahme/Mängelprotokolle ist im Rahmen des Bauwesens nach wie vor viel Luft nach oben. Überwiegend werden Mängelprotokolle, die ja für die Abnahme eines Gebäudes durch den Bauherren, aber auch für Gewährleistungsfristen notwendig sind, händisch ausgeführt, also fotografiert und die Mängel meist in einer Kladde oder in einer Exceltabelle notiert. Dann müssen sie wiederum händisch übertragen werden. Angesichts von Apps und Sprachsteuerungen verwundert das ein wenig, denn die Digitalisierung bietet hier schon zahlreiche Möglichkeiten an.

Auch das Thema Vertrieb könnte gerade bei Wohnimmobilien noch stärker digitalisiert werden. So könnten Daten, die aus dem Planen und Bauen heraus über Schnittstellen an die Vertriebe gegeben werden, nach dem Verkauf auf rechtssicheren cloudbasierten Lösungen auch an das Notariat, das den Kaufvertrag beurkundet, weitergeleitet werden. Ebenso könnten die Finanzierungsmodalitäten, die ja Teil des Gebäudes sind, mit abgelegt werden. So bliebe ein digitaler Datenraum bis zum Lebensende des Gebäudes aktuell.

Ja, weiter noch, im Prinzip müsste die digitale Auswertung und Begleitung bis hin zum Abriss des Gebäudes gelten. Denn vor dem Hintergrund nachhaltigen Bauens geht es um den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft. Bauwerke werden auch als „anthropogene Lager“ bezeichnet: Sie tragen eine riesige Masse an Stoffen in sich, die durch eine intelligente Kreislaufführung wiederverwertet werden könnten. Man muss nur wissen, wo diese vor dem Abriss zu finden sind und sie sicherstellen. Eine digitale Aufnahme von Stoffen auch während der Lebensphase des Gebäudes scheint da nur sinnvoll zu sein.

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Journalist

Frank Tetzel

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