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Gunther Wölfle (links), Geschäftsführer von buildingSMART Deutschland und Prof. Dr. Rasso Steinmann (rechts), Vorsitzender des Vorstandes von buildingSMART Deutschland. ENTWICKLUNG

Ein Wandel, der Arbeitsprozesse und Denkweisen erfasst – BIM

Prof. Dr. Rasso Steinmann, Vorsitzender des Vorstandes von buildingSMART Deutschland und Gunther Wölfle, Geschäftsführer von buildingSMART Deutschland im Doppelinterview.

Digitale Methoden und Werkzeuge ermöglichen für die gesamte Wertschöpfungskette einen viel höheren Grad an Zuverlässigkeit durch einen deutlich verbesserten Informationsfluss.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie von Roland Berger heißt es, die Digitalisierung sei „der Wendepunkt“ für die Bauwirtschaft. Können Sie erläutern, warum das so ist?

RS: Digitale Methoden und Werkzeuge ermöglichen für die gesamte Wertschöpfungskette – also für das Planen, Bauen und Betreiben – einen viel höheren Grad an Zuverlässigkeit durch einen deutlich verbesserten Informationsfluss. So können Sie beispielsweise schon in der Planungsphase erkennen, ob die nötigen Wanddurchbrüche für Lüftungsrohre korrekt platziert sind. Bislang ist es so, dass erst auf der Baustelle Planungsfehler oder auch Ausführungsfehler anderer Gewerke offensichtlich werden. Dann muss aufwendig nachgeplant und nachgearbeitet werden. Durch Digitalisierung können wir – grob gesprochen – das Bauwerk digital erstellen und prüfen, ob auch wirklich alles passt. Erst dann wird gebaut.

Können Sie etwas über die Kostensituation sagen, wenn sich das digitale Bauen durchsetzt?

GW: Es ist schwierig, das pauschal zu beantworten. Ein wichtiger Kostenvorteil ergibt sich besonders für den Zeitraum nach dem Bau, also für die Phase, in der das Bauwerk genutzt wird. Schaut man sich die gesamten Lebenskosten eines Bauwerks an, so entstehen über 70 Prozent der Kosten in der Phase des Betreibens. Ist ein Bauwerk von Anfang an mithilfe digitaler Methoden geplant und gebaut worden und hat man dabei auch den kosten- und ressourceneffizienten Betrieb des Gebäudes berücksichtigt, so sind enorme Einsparungen möglich.

BIM ist eine in diesem Zusammenhang viel genutzte Abkürzung und heißt Building Information Modeling – was kann man sich darunter vorstellen?

RS: Building Information Modeling ist eine zentrale Methode der Digitalisierung im Bauwesen, und diesen Begriff muss man sehr umfassend verstehen. Es geht um das Erfassen von Daten und Informationen eines Bauwerks, deren Verarbeitung und Auswertung sowie die Ausgabe für entsprechende Nutzungen – beispielsweise benötigt der Tragwerksplaner andere Informationen aus dem BIM-Modell als der Mitarbeiter aus dem kaufmännischen Bereich. Andere wiederum möchten das Bauwerk visualisieren – Anwendungen wie Augmented Reality und Virtual Reality sind machbar. Wir von buildingSMART begleiten diese Entwicklungen aktiv, indem wir auf internationaler Ebene daran mitwirken, dass offene Datenaustauschformate wie das IFC geschaffen werden.

GW: Diesen Punkt muss man hervorheben: Beim Planen, Bauen und Betreiben sind sehr viele verschiedene Gewerke beteiligt – alle arbeiten mit teils sehr speziellen Softwareanwendungen. Wenn hier Daten nicht reibungslos und vollständig übermittelt werden können, bleiben die Vorteile von Digitalisierung letztlich auf der Strecke.

Ist die deutsche Bau- und Immobilienbranche auf den digitalen Wandel vorbereitet?

RS: Das Bild ist so heterogen wie es die deutsche Bau- und Immobilienwirtschaft auch ist. Wir kennen Unternehmen, viele davon sind bei buildingSMART Mitglied, die ganz vorne mit dabei sind. Andere sind auf dem Sprung und haben viele Fragen nach dem konkreten „Wie“. Wir verstehen uns auch als eine Art Moderator, der diesen digitalen Wandel beschreibt und begleitet.

GW: Wir hatten Ende Oktober unsere Jahreshauptveranstaltung in Berlin, unser 21. building-SMART-Forum, und konnten beeindruckende Beispiele aus Deutschland zeigen. Wir müssen aber zugeben: Andere Länder sind weiter, etwa Dänemark oder Norwegen, aber auch in Asien.

In drei Jahren soll die Nutzung von BIM bei öffentlichen Infrastrukturprojekten des Bundes vorgeschrieben sein. Wie sehen Sie die mittelständisch geprägte deutsche Bauwirtschaft darauf vorbereitet?

RS: Ich denke, wir können ganz pauschal feststellen, dass BIM in aller Munde ist – besonders die mittelständischen Unternehmen befassen sich sehr aktiv mit diesem Thema. Für ein Unternehmen bedeutet das mitunter einen tiefgreifenden Wandel, der Arbeitsprozesse und Denkweisen erfasst. Ein großes Thema ist die Fort- und Weiterbildung. Bis Ende dieses Jahres wird es das building-
SMART-Zertifikat für den BIM-Basiskurs für Bildungseinrichtungen geben. Dieses Zertifikat berücksichtigt die Vorgaben der VDI/building-
SMART-Richtlinie 2552-8.1.

buildingSMART Deutschland ist seit über 22 Jahren im Bereich Digitalisierung der Baubranche aktiv – welche Hauptziele haben Sie sich für das Jahr 2018 gesetzt?

RS: Wir von buildingSMART möchten dazu einladen, die Digitalisierung der Bau- und Immobilienwirtschaft aktiv mitzugestalten. Über unseren Dachverband buildingSMART International können wir unseren Mitgliedern ermöglichen, an offenen Datenaustauschformaten, Zertifikaten für Aus- und Weiterbildung, den wichtigen Produktdatenhandbüchern und vielem mehr mitzuwirken. Die Mitarbeit aus Deutschland wird sehr geschätzt und ich glaube auch, dass eine so wichtige Wirtschaftsnation wie Deutschland ein großes Eigeninteresse daran haben muss, die Digitalisierung mitzugestalten. Wir von buildingSMART möchten mithelfen, dieses Eigeninteresse auf allen Ebenen und auch im politischen Raum zu verdeutlichen.

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Journalist

Frank Tetzel

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