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Franz-Josef Holzenkamp, Präsident des DRV LEBENSMITTEL UND AGRAR

Digitaler Handel für die Bauern – Franz-Josef Holzenkamp, Präsident des DRV

Der digitale Wandel erfasst zunehmend auch die Landwirtschaft. Die Bauern erwarten von ihren Genossenschaften Lösungen und Möglichkeiten. Die nächsten Jahre werden grundlegende Änderungen mit sich bringen.

Die Digitalisierung leistet einen wichtigen Beitrag für das Image der Landwirtschaft.

Die deutsche Landwirtschaft ist mit einem Bein schon in der neuen, digitalen Welt angekommen. Große Betriebe mit mehr als 100 Mitarbeitern nutzen schon zu 30 Prozent digitale Technologien und haben ihre Arbeits- und Erntegeräte vernetzt. Der IT Branchenverband BITKOM schätzt, dass sich das Potenzial der Wertschöpfung bis zum Jahr 2015 um 3 Mrd. Euro steigern lässt. Eine EU-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung zu einem Rückgang beim Einsatz von Herbiziden um 80 Prozent und zu einer Ersparnis beim Dieselkraftstoff von 10 Prozent führt. Jetzt geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter. Auch der Handel mit den Endprodukten und der Einkauf der Betriebe von Saatgut etc. wird auf ein digitales Niveau gehoben. Wir haben dazu mit dem Präsidenten des Deutschen Raiffeisenverband (DRV), Franz Josef Holzenkamp, ein exklusives Interview geführt.

Weltweit steigt der Anteil von online gehandelten Rohstoffen und Grundprodukten rasant an, erfasst auch zunehmend die deutsche Landwirtschaft – wie genau ist der Ist-Zustand? Wie viele Betriebe sind schon auf dem richtigen Weg in die Zukunft?

Landwirte sind seit jeher technikaffin und aufgeschlossen gegenüber Neuerungen. Sie erkennen rasch, welche Innovationen Zusatznutzen generieren und welche noch ausreifen müssen. Die von einigen Genossenschaften angebotenen Bestell-Apps erfreuen sich großer Beliebtheit. Dabei geht es weniger um den günstigsten Preis. Viel wichtiger sind die zeitsparende Abwicklung und die Sicherheit, dass genau das passende Produkt geliefert wird. Digitalisierung ist aber viel mehr als online zu shoppen.

Selbst ganz bodenständige Warenbereiche werden erfasst – Droht damit dem genossenschaftlichen Geschäftsmodell das Aus?

Nein, im Gegenteil. Das genossenschaftliche Geschäftsmodell basiert auf der engen Bindung und dem gewachsenen Vertrauen zwischen den Landwirten, die zumeist Mitglieder sind, und ihren Unternehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Geschäft per Telefon, E-Mail oder via App abgewickelt wird. Zwischenzeitlich nutzen viele Landwirte z. B. die einfache und unkomplizierte Möglichkeit, Tierfutter mittels App zu ordern. Für die Genossenschaften ergeben sich Vorteile in der Disposition, was wiederum zeitnahe Bestellungen ermöglicht. Somit wird die Digitalisierung die Geschäftsprozesse gewaltig verändern, nicht jedoch das bewährte und auf Vertrauen basierte Geschäftsmodell.

Wie kann der Raiffeisenverband dagegenhalten?

Es gibt viele Gründe, die technischen und organisatorischen Verbesserungen im Interesse der Mitglieder und Kunden zeitnah aufzugreifen. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), seine Tochter Raiffeisen Service GmbH sowie die genossenschaftlichen Akademien sehen sich als Speerspitzen bei der Integration digitaler Anwendungen in die Genossenschafts-Organisation. Wir sensibilisieren, informieren und entwickeln gemeinsam mit unseren Mitgliedern Konzepte, um die Herausforderungen zu meistern.

Sie arbeiten an Lösungen für die bei Ihnen organisierten Landwirte – wie werden die aussehen?

Unsere 2186 Mitgliedsunternehmen arbeiten an verschiedenen Lösungen für ihre Mitglieder und Kunden: Genossenschaften haben Software-Unternehmen gegründet und nutzen Kooperationen mit Unternehmen, die individuell skalierbare Systeme zur Unterstützung von Betriebsleitern und Mitarbeitern bei sämtlichen Prozessen auf den landwirtschaftlichen Höfen anbieten. Diese Smart-Farming-Systeme kommen auf dem Acker zum Einsatz in Form von Spurführungssystemen und der standortangepassten Ausbringung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Im Stall dienen sie der Einzeltierbeobachtung und individuellen Fütterung. Im Büro erleichtern diese Systeme die Erstellung von Schlagkarteien und diversen Dokumentationen. Vor Ort unterstützen die Genossenschaften ihre Landwirte bei der Einführung und Nutzung entsprechender Systeme.

Big Data, B2B und CRM – was können die Bauern und was müssen sie noch dazulernen?

Mit dem Anstieg der Produktivität steigt auch die Kapitalintensität der Landwirtschaft. Schon heute kostet ein landwirtschaftlicher Arbeitsplatz rund 500 000 Euro. Damit wächst die Gefahr, dass Landwirte sich übernehmen. Sie sind daher gut beraten, bei der Einführung neuer Techniken der Optimierung Vorrang vor der Maximierung zu geben. Sie sollten sich nicht vom günstigsten Angebot verführen lassen, sondern auch beim Zukunftsthema Digitalisierung Wert auf höchste Qualität legen.

Kann mit der Digitalisierung das sehr gute Image der deutschen Landwirtschaft bei den Verbrauchern einen Schaden nehmen?

Im Gegenteil. Die Digitalisierung erhöht die von vielen Seiten geforderte Transparenz in der Land- und Agrarwirtschaft. Interessierte Verbraucher werden ihre Lebensmittel bis zur Aussaat zurückverfolgen können. Jeder Produktionsschritt wird nachvollziehbar sein. Jeder Landwirt wird belegen können, dass er jeweils die bestmögliche Entscheidung getroffen hat. Somit leistet die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag, das Image der Land- und Agrarwirtschaft zu verbessern.

Fakten

Der Deutsche Raiffeisen Verband (DRV) vertritt die Interessen der genossenschaftlich orientierten Unternehmen der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die 2186 DRV-Mitgliedsunternehmen im Handel und in der Verarbeitung von pflanzlichen und tierischen Erzeugnissen mit rund 82 000 Mitarbeitern erzielten einen Umsatz von 60,1 Mrd. Euro.

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Journalist

Jörg Wernien

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