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Der Hyperloop-Hype

Weltweit leben immer mehr Menschen in immer riesigeren Städten. Eine pfeilschnelle Kapsel könnte dabei helfen, zigtausend Menschen täglich schneller in diese Megacities zu befördern und somit die Infrastruktur grundlegend zu verändern. 

Das Fahrgefühl wird dabei wie im Flugzeug sein – man spürt die Beschleunigung und das Abbremsen, aber nicht die Fortbewegung.

Lassen sich zwei Metropolen schnurgerade miteinander verbinden, können wir vielleicht bald die „fünfte Art der Fortbewegung“ ausprobieren. Dazu setzt man sich bequem in eine aerodynamisch geformte Kapsel und erreicht sein Ziel mit sagenhaften 1223 Stundenkilometern, also fast Schallgeschwindigkeit – um ein Drittel schneller als mit dem Flugzeug, fünfmal so schnell wie mit der Bahn.

Die Kapsel, von der wir sprechen, gibt es bereits: Sie besteht aus „Vibranium“ und bewegt sich mittels Magnetströmen und Lithium-Ionen-Batterien in einer – genau: schnurgeraden – Vakuumröhre. Was wie eine Mischung aus „Star Wars“ und „The Incredibles“ klingt, wird von Dirk Ahlborn, Gründer von Hyperloop Transportation Technologies (HTT), seit 2013 vorangetrieben. Vibranium? Ist das nicht das Material aus den Marvel-Comics, aus dem Captain Americas Schild und der schusssichere Anzug von Black Panther gemacht sind? Hat Dirk Ahlborn am Ende den fiktiven Staat Wakanda entdeckt und sich klammheimlich den Zugang zu dem seltensten und härtesten Material der Erde für seine futuristische Transportmöglichkeit gesichert? „Nicht ganz“, schmunzelt der Vorstandsvorsitzende von HTT. „Vibranium ist nur ein Name, der für ein sehr starkes, sicheres und berührungsempfindliches Compositmaterial steht.“

Für den Bau der Kapsel, in der 30 Menschen Platz finden sollen, wird Vibranium doppelwändig verbaut. „Das Fahrgefühl wird dabei wie im Flugzeug sein“, erklärt der dunkelhaarige Deutsche, der abwechselnd mit leicht österreichischem und leichtem Berliner Einschlag spricht. „Man spürt die Beschleunigung und das Abbremsen, aber nicht die Fortbewegung an sich.“

Der 41-Jährige hatte gerade eine Plattform namens JumpStartFund gegründet, die rein digital Crowdsourcing und Crowd Collaboration miteinander verbindet, als Elon Musk dazu aufrief, Ideen und Vorschläge für die Entwicklung eines Hyperloops einzureichen. „Alles kannst du heute digital erledigen: einkaufen, Hemden bügeln lassen, selbst die Scheidung einreichen“, erklärt er. „Aber ein Business gründen passiert fast immer irgendwo offline, beim Gespräch mit Freunden in einer Bar.“ Das wollte er mit seiner Plattform ändern, lud das Projekt sofort hoch und fand prompt Investoren. Interessierten Ingenieuren bot er an, mit mindestens zehn Stunden Arbeitszeit pro Woche im Gegenzug zu Aktienoptionen an der Entwicklung des Hyperloops mitzuarbeiten. „Da merkte ich, dass die Community nicht nur mitfinanzieren wollte – sie wollte dabei sein und selber unbedingt mitmachen!“ Aus rund 200 Bewerbungen stellte er ein 100-köpfiges Ingenieursteam zusammen, aus dem er das Unternehmen Hyperloop Transportation Technologies (HTT) machte.


Nachdem der clevere Deutsche die Ergebnisse seiner Machbarkeitsstudie las, wurde klar: Riesenprojekte scheitern weder am Geld noch an der Technik, sie scheitern an der Politik. Das Ganze musste also eine regelrechte Bewegung werden! Seine offene Methode der Firmengründung, bei der aktuell weltweit etwa 900 Mitarbeiter in kleinen Teams, knapp 50 Unternehmen und etliche Universitäten ihr Wissen einbringen, eignet sich dazu perfekt.

„Zweitens haben wir nach der Machbarkeitsstudie gesehen, dass es auf der ganzen Welt keine einzige Bahn und keine einzige Metro gibt, die sich rechnet.“ Öffentliche Transportsysteme werden durchweg mit Milliardenbeträgen gefördert, in Deutschland allein geht er von einem zweistelligen Milliardenbetrag aus – jährlich. Doch der Hyperloop von HTT soll nicht nur sicher und rentabel sein, er könnte nach den Vorstellungen seines Entwicklers sogar mehr Energie erzeugen, als er benötigt und allein dadurch die Betriebskosten niedrig halten.Durch den Unterdruck der Magnetschwebetechnik und den fehlenden Reibungswiderstand wird nur minimale Energie verbraucht. Die Aufrechterhaltung des Vakuums kostet in den USA 25 Kilowattt für zehn Kilometer Strecke, was drei Dollar die Stunde entspricht. „Wir wollen Transportsysteme neu denken, wir wollen neue Geschäftsmodelle haben und Transport monetarisieren.“ Während man also in Geschwindigkeiten entlang der Schallgrenze von einer City in die nächste transportiert würde, ließe sich in aller Seelenruhe auf Smartphone oder Laptop arbeiten, surfen und shoppen oder sogar durch virtuelle Filmwelten fahren, die seitenlange Bildschirme innerhalb der Kapsel erlebbar machen würden.

Städte müssten nicht mehr um jeden Zentimeter Wohnraum ringen, wenn täglich 160 000 Menschen in kürzester Geschwindigkeit an ihre Arbeitsplätze und zurück nach Hause gebracht würden. Weniger Stau, weniger Lärm, weniger Autoabgase – die Vakuumröhre hat durchaus etwas für sich. In Toulouse bot man eine große Fläche für eine Teststrecke an, die Slowakei, Tschechien, Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien haben Feuer gefangen und lassen den Bau erster Strecken planen, Südkorea lizensiert die Technologie und arbeitet selbst an dem Projekt. Selbst in Amerika wird nun geplant, Cleveland mit Ohio zu verbinden. Und bei uns? „In Deutschland könnte ein Netzwerk die Städte Berlin, München, Köln und Hamburg in 145 Minuten verbinden“, schwärmt der CEO. Schön wär’s. Aber wahrscheinlich müssen wir, um auch einmal mit Schallgeschwindigkeit von einem Ort zum anderen zu kommen, in einem uralten Zug endlose Stunden lang in die Slowakei fahren. Ohne WLAN.

Fakten

Dirk Ahlborn ging nach seiner Banklehre nach Italien, wo er eine Firma im Bereich Alternative Energie und Wärme startete. Seit 2009 lebt er in den USA. Seine Kinder sind noch bessere Superhelden-Experten als er. Er lebt im Großraum Los Angeles und liest am liebsten Sachbücher.

Dirk Ahlborn hofft, bald mit dem Hyperloop in 35 Minuten von seinem Wohnort Los Angeles nach San Francisco zu kommen. Die Grundidee zu seiner präferierten Fortbewegung ohne Luftwiderstand entwickelte George Medhurst bereits vor 206 Jahren.

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Journalist

Katja Deutsch

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