ANALYSE: WIRTSCHAFT

DIE ONLINE-PLATTFORM FÜR WIRTSCHAFTSTHEMEN
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THORSTEN DIRKS, BITKOM-PRÄSIDENT

Beste Chancen mit Industrie 4.0 – Bildung als Voraussetzung

Wenn man eine Vorstellung davon bekommen will, welche Veränderungen auf die deutsche Industrie durch die Digitalisierung zukommen, dann lohnt der Blick auf andere Branchen: Der Streaming-Dienst auf dem Smartphone hat die CD verdrängt. Das Feriendomizil stellt dank Online-Vermittlung immer öfter ein Privatvermieter. Und künftig wird es nicht mehr genügen, hervorragende Autos zu bauen – diese müssen auch einen verlässlichen Autopiloten an Bord haben. Software wird wichtiger, Hardware tritt in den Hintergrund. Genau das meinen wir auch, wenn wir von Industrie 4.0 sprechen. Es geht nicht nur um die Automation in der Fabrikhalle. Industrie 4.0 wird die Fertigung tiefgreifend verändern, weil Mitarbeiter, Maschinen, Zulieferer und Kunden, ja sogar Produkte und Materialien miteinander intelligent vernetzt werden. Eine Maschine meldet dann rechtzeitig, wenn sie gewartet werden muss und besorgt sich am Markt selbstständig zu den günstigsten Konditionen Ersatzteile. Die Digitalisierung und Vernetzung innerhalb der Wertschöpfungskette ermöglicht aber auch völlig neue Produkte und Dienste. Das können plattformbasierte Geschäftsmodelle sein, die sich auch für die klassische Industrie eignen. So baut zum Beispiel der Stahlhändler Klöckner eine digitale Handelsplattform auf, auf der auch die Konkurrenz ihren Stahl anbieten kann. Eine andere Möglichkeit sind Geschäftsmodelle mit nutzungsabhängiger Vergütung. So kann ein Unternehmen Kapazitäten von 3D-Druckern anbieten, damit sich Kunden für die Anfertigung von Prototypen nicht selbst teure Hardware kaufen müssen.

Industrie 4.0 bietet riesige Chancen für Deutschland als Produktionsstandort, weil wir hier unsere traditionellen wirtschaftlichen Stärken nutzen können. Aber wir müssen Gas geben, um im globalen Wettbewerb nicht abgehängt zu werden. Damit wir das schaffen, müssen wir viel mehr in die Köpfe investieren. Denn Industrie 4.0 verwischt die Grenzen zwischen klassischer Fertigung und IT, und dadurch verändern sich Anforderungsprofile an die Beschäftigten. Neue Berufsbilder entstehen, um die komplexe Vernetzung und die neuen Plattformen zu entwickeln und zu steuern. Wir müssen schon in der Schule beginnen, die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Dazu gehört ein Pflichtfach Informatik ab der Sekundarstufe I und der Willen, mehr Jungen und Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern. Doch das allein reicht nicht. Das Lernen muss während der gesamten beruflichen Laufbahn weitergehen. Dafür müssen Unternehmen Strategien zur Weiterbildung entwickeln und das notwendige Geld in die Hand nehmen. Die Politik muss diese Maßnahmen unterstützen. Und nicht zuletzt sind auch die Mitarbeiter selbst gefordert, sich mit den Möglichkeiten und Anforderungen auseinanderzusetzen, die Industrie 4.0 mit sich bringt. Denn nur durch gemeinsames und entschiedenes Handeln können wir so die Basis für fortwährenden Wohlstand in Deutschland und Europa schaffen.


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