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An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei

Digitale Lösungen ermöglichen Planern die gemeinsame Umsetzung von Projekten und somit Prozessoptimierungen. Die Akteure in der Baubranche sind daher gefordert, sich intensiv mit den anstehenden Veränderungen auseinanderzusetzen, sagt der Präsident der Bundesingenieurkammer, Hans-Ullrich Kammeyer. 

BIM muss als Rüstzeug von Anfang an eine wesentliche Rolle spielen

Eines ist unbestritten: Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche der Baubranche – von der Planung über das Bauen und Betreiben bis zum Rückbau. Und sie bietet viele Chancen. So kann sie zum Beispiel dazu beitragen, Prozesse zu optimieren. „Dadurch erhoffen wir uns, dass Projekte künftig im Zeitrahmen bleiben. Ob die Digitalisierung allerdings auch helfen wird, Kosten zu sparen, wird sich zeigen“, so Hans-Ullrich Kammeyer.

Schaut man auf den aktuellen technologischen Stand der Digitalisierung in Deutschland, wird für den Präsidenten der Bundesingenieurkammer deutlich, dass vieles noch in den Kinderschuhen steckt. Offene Schnittstellen beispielsweise – für den Diplom-Ingenieur das „A und O einer erfolgreichen Digitalisierung“ – sind noch nicht vollumfänglich verfügbar. Manche Bereiche seien hier zwar weiter als andere, so Kammeyer, aber es fehle der „rote Faden“. Dies führt er darauf zurück, dass die Verbände oftmals nicht an einem Strang ziehen, weil sie unterschiedliche Interessen verfolgen. Andererseits arbeite die Politik nicht konsequent zusammen, weil es Abstimmungsschwierigkeiten innerhalb der Ressorts gebe: „Viele wissen noch nicht einmal, was die Digitalisierung eigentlich bedeutet“, moniert Kammeyer, räumt dann aber ein: „Es gibt viele gute Ansätze. Aber das reicht noch nicht, um die Digitalisierung insgesamt positiv und gewinnbringend umzusetzen.“

Nachholbedarf sieht der Experte in allen Bereichen. So müssten etwa Hochschulen und Universitäten hinterfragen, ob sie den Ingenieurnachwuchs auch wirklich zukunftsfähig ausbilden: „BIM muss als Rüstzeug von Anfang an eine wesentliche Rolle spielen, ohne natürlich die klassische Ingenieurausbildung zu vernachlässigen. Denn wir brauchen viele und vor allem viele gute Ingenieure. Das geht nur mit einer breiten grundständigen Ausbildung, die BIM als essenziellen Bestandteil berücksichtigt.“ Somit gehört auch Kammeyer zu denen, die BIM als wichtigen Impulsgeber für die Digitalisierung im Bauwesen sehen. „BIM ist aber nur dann sinnvoll, wenn die gesamte Wertschöpfungskette damit umzugehen weiß“, gibt er zu bedenken. Entsprechend wichtig sei es, den Austausch und Zugang für alle Beteiligten zu gewährleisten. Für die Ingenieurkammern bedeute dies, mit der Politik darüber zu sprechen, dass nichts übers Knie gebrochen wird und die Ressorts der Bundesregierung einheitlich agieren. „Dafür müssen wir dringend über die Bauherrenkompetenz der öffentlichen Hand diskutieren“, betont Kammeyer. BIM bedeutet für ihn aber auch, dass die Ingenieurkammern aufklären und unterstützen, wenn es um die Implementierung in den Prozessen geht. So sei es erforderlich, dass über die Fort- und Weiterbildungsakademien der Ingenieurkammern qualitativ hochwertige Formate angeboten werden, damit die Ingenieure über das notwendige Wissen verfügen.

Weiter ist es aus Sicht der Bundesingenieurkammer wichtig, die Veränderungen durch BIM mittelstandsfreundlich zu gestalten. Das bedeutet auch, dass bei der Digitalisierung der Planung der bewährte und qualitätssichernde Grundsatz der Aufgabenteilung zwischen unabhängiger Planung und Bauausführung zwingend erhalten bleibt. Nur so hätten auch die kleinen und mittleren Büros eine Möglichkeit, bei dieser Entwicklung mitzugehen. Kammeyer: „Das ist enorm wichtig, denn Deutschlands Stärke ist die mittelständische Wirtschaftsstruktur. Diese gilt es zu bewahren und zu fördern.“

Eine wichtige Rolle kommt für Kammeyer auch der Forschung zu. Hier gebe es bereits einige hervorragende Pilotprojekte rund um BIM, doch es brauche mehr davon. Und auch die öffentliche Hand muss für Kammeyer umdenken, vor allem in ihrer Rolle als Bauherr: „Politisch motivierte Änderungen an Projekten behindern auch mit BIM den Baufortschritt und erhöhen die Kosten entsprechend. Man muss BIM nicht nur anwenden, man muss BIM auch denken. Irgendwann ist Redaktionsschluss und Änderungen sollten danach nicht mehr folgen dürfen.“

Bleibt die Frage, wo die weitere Entwicklung hingeht. Kammeyer erwartet, dass das Miteinander beim Planen und Bauen künftig noch wichtiger wird – auch wenn alle Beteiligten in der Praxis erst noch ihre Rolle finden müssen. Unter dem Strich werde in der Baubranche kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführen, ist er überzeugt. Daher sei es jetzt an der Zeit, sich intensiv mit anstehenden Veränderungen auseinanderzusetzen und darauf vorbereitet zu sein.

Fakten

Nach dem Bauingenieur-Studium war Hans-Ullrich Kammeyer für Ingenieurbüros und Baufirmen tätig. Seit 1994 ist der gebürtige Hamburger bei der Nord-West Planungsgesellschaft, seit 2014 Gesellschafter der Dr.-Ing. Meihorst und Partner Beratende Ingenieure für Bauwesen GmbH. In Kammern und Verbänden hat er zahlreiche Funktionen inne. Präsident der Bundesingenieurkammer ist er seit 2012.

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Journalist

Chan Sidki-Lundius

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